Zwischen Anspruch und Wirklichkeit (Mai 2022)

Ich habe einen in meinen Augen sehr klugen Satz gelesen

Wenn wir nicht selbst praktizieren, was wir verteidigen wollen, verliert unser Tun … irgendwann seine zentrale Legitimation.

Stephan Hebel in „Julian Assange: Nagelprobe einer menschenrechtsorientierten Außenpolitik“, Freitag, 17/2022 (https://www.freitag.de/)

In der kleinsten Zelle der Gesellschaft, der Familie, gilt dieser Satz vor dem Hintergrund von Kindererziehung ein wenig anders, sein sinnstiftender Gehalt bleibt aber derselbe. Am Beispiel Familie wird aber schnell einleuchtend was dahinter steckt. Man kann nicht Wasser predigen und Wein saufen, dass wussten auch schon die Altvorderen, denen wir diesen Spruch verdanken. Dieses Prinzip ist universell gültig.

Stephan Hebel stellt in seiner im Freitag erschienen Meinung auf den moralischen und vielleicht auch faktischen nicht unmittelbar erkennbaren Unterschied zwischen der Behandlung von Nawalny durch den russischen Statt und der Behandlung von Assange durch die USA ab, in dem er fragt …

… wie glaubwürdig Regierungen die „freie Welt“ gegen Russland verteidigen können, wenn sie zugleich das Leben eines unbequemen Journalisten zerstören.

ebenda

Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Wird nicht allzu oft mit zweierlei Maß gemessen? Ist nicht viel zu oft jede Staatsräson bei genauerer Betrachtung ein Messen mit zweierlei Maß?

Die „freie Welt“, in der ich zu meinem Glück leben darf, scheint sowohl im Kleinen, im Privaten als auch im Großen, dem Gesellschaftlichen, dem Politischen hin und wieder (oder allzuoft?) schizophren insofern einmal der moralische Kompass strikt angelegt, andererseits gern vergessen wird. Die freie Welt legt immer dann den moralischen Kompass an, wenn es anderswo als im eigenen Vorgarten gegen den moralischen Kompass geht. Hier bei Nawalny. Nicht jedoch, wenn der eng befreundete Nachbar, oder gar der Verwandte so ein bisschen am moralischen Kompass vorbeischrammt, weil da ein Störenfried der dem Nachbarrn oder Verwandten den Spiegel vorhält oder gar den Dreck sichtbar macht, der hinterlassen wird. In diesem Fall Assange.

Immerhin – so empfinde ich es in meiner Erfahrung als zum Zweck des Broterwerbs und der Sinnstiftung Angestellter eines größeren deutschen Unternehmens – haben wir seit den „Iraq war logs“ (wie die geleakten Dokumente in der Internet-Welt gern bezeichnet werden), also seit dem von Assange geleakten Geheimnisverrat Chelsea Mannings (was es der Rechtslage nach wohl war :-(), betrieblich einen „Hype der Awareness“ rund um das „Whistleblowing“ zu verzeichnen. Ich würde behaupten, dass es schon auch daher kommt, dass es natürlich nicht sein kann und darf, Verbrechen oder falsches Verhalten unter dem Deckmantel einer wo her auch immer kommenden Geheimhaltung halten zu müssen. Verbrechen müssen aufgeklärt und bestraft werden. Immer. Da darf kein Gesetz der Welt hinderlich im Weg stehen. Genau das ist er wieder, der moralische Kompass. Und das ist ja auch gut so. Denn auch Unternehmen können sich moralisch fragwürdig verhalten.

Die Werte, nach denen der Kompass ausgerichtet ist, mögen westlich konnotiert sein und den Werten der freien Welt entsprechen. Insofern könnte man auf die etwas absurde Idee kommen zu argumentieren, diese Werte seien eben nicht überall auf der Welt gültig, weil kulturell und historisch in manchen Teilen der Welt die Sicht der freien westlichen Welt eben nicht geteilt würde. Dem ist nach meinem Verständnis grundsätzlich zu widersprechen. Die Werte, nach denen unser moralischer Kompass justiert sein sollte, entspringen den Erkenntnissen, die die Weltgemeinschaft aus dem bislang verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte, dem 2. Weltkrieg, gezogen hat, in dem sie, die Weltgemeinschaft der Völker, die Grundrechtscharta der vereinten Nationen formuliert hat. Diese Werte sind also universell, und nicht westlich und nicht östlich. Sie entspringen der Einsicht über das Böse.

Da nun also der Wertekompass grundsätzlich korrekt justiert scheint, warum misst die Welt dann immer noch mit verschiedenen Maßstäben? Da klafft ein Riss zwischen Anspruch und Wirklichkeit, ein ziemlich breiter Riss. Warum? Weil wir so vielen (Menschen) sind? Weil es schon immer so war, dass man sich selbst der Nächste ist und je mehr wir sind wir umso weiter auseinander driften (als Gesellschaft von Gesellschaften)? … Ich habe keine Antwort.

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